1,3 Mrd. t Lebensmittel gehen jährlich verloren 1. Februar 2012
Veröffentlicht von Landring in : Allgemein, Landwirtschaft, Nachhaltigkeit , trackback
Während eine Mrd. Menschen in den armen Ländern hungern, nimmt die Lebensmittel-Vergeudung im Westen gigantische Ausmaße an.
20 Jahre nach dem “Erdgipfel” in Rio de Janeiro, auf dem die Weltgemeinschaft das entwicklungs- und umweltpolitische Aktionsprogramm “Agenda 21″ beschlossen hatte, werden sich Vertreter der Vereinten Nationalen (UN) im heurigen Juni am selben Ort zur “Rio plus 20-Konferenz für nachhaltige Entwicklung” treffen. Nach dem Willen der UN-Generalversammlung sollen sich die Staats- und Regierungschefs in Rio im Wesentlichen drei Themen widmen: der Entwicklung einer “grünen Wirtschaft”, dem Kampf gegen die Armut sowie dem institutionellen Rahmen der nachhaltigen Entwicklung, also der Umsetzung auf internationaler Ebene und in den UN-Mitgliedsstaaten.
89 Mio. t Lebensmittel landen in der EU im Müll
In Vorbereitung auf diese “Rio plus 20″-Konferenz lud die deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner im Rahmen der “Grünen Woche” in Berlin zu einem “Internationalen Agrarministerpodium”. 70 Landwirtschaftsminister aus aller Welt sowie der Generaldirektor der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), José Graziano da Silva, waren dieser Einladung gefolgt, um neue Strategien zur Sicherung der Welternährung zu diskutieren.
Die Bilanz 20 Jahre nach der ersten UN-Konferenz in Rio fiel dabei jedenfalls ernüchternd aus: Fast eine Mrd. Menschen auf der Welt leiden an Hunger, während gleichzeitig ein Drittel der Lebensmittel, das sind 1,3 Mrd. t, die weltweit erzeugt werden, verloren geht. 222 Mio. t davon werden jährlich in den reichen Ländern weggeworfen. Allein in der EU sind es rund 89 Mio. t Lebensmittel, die, teilweise noch ungeöffnet, Jahr für Jahr im Müll landen.
Die Probleme, die einerseits zu Hunger, andererseits zu Verschwendung führen, sind vielfältig. Erosion der Böden und mangelnde Wasserressourcen sorgen dafür, dass viele Länder ihre Bevölkerung nicht ausreichend ernähren können, dazu kommen Infrastrukturprobleme, wie mangelnde Transport- und Lagerkapazitäten, die dafür verantwortlich sind, dass Nahrung nicht dorthin gelangt, wo sie gebraucht wird, oder dass sie verdirbt. Es bedürfe daher, “für jeden Kontinent, für jedes Land unterschiedlicher Lösungen”, sagte Aigner.
Angesichts der Probleme in anderen Ländern, die nicht wissen, wie sie ihre Bevölkerung ernähren sollen, führe man in Europa “eine Luxusdebatte”, sagte Aigner. Sie habe für Deutschland eine Studie in Auftrag gegeben, die klären soll, “wo weggeworfen wird” – im Handel, bei der Verbrauchern –, um gezielte Maßnahmen dagegen setzen zu können. “Jedes Kilogramm, das produziert und weggeworfen wird, ist eines zu viel”, betonte Aigner.
Stellt sich die Frage, warum so viele Lebensmittel in Europa wie auch in der restlichen westlichen Welt im Müll landen: Liegt es daran, dass Lebensmittel zu billig sind?
Verschwendung ist eine Frage der Erziehung
EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos verneinte diese Frage. Die Verschwendung könne nicht über den Preis gelöst werden, schließlich gebe es auch in Europa nicht nur Reiche, wie etwa die Diskussion über eine Nahrungsmittelhilfe für die Ärmsten in Europa zeige, gab Ciolos zu bedenken. Die Frage der Verschwendung sei vielmehr “eine Frage der Erziehung und der Bildung”, sagte der Agrarkommissar, und damit ein gesellschaftliches Problem.
Das Europäische Parlament (EP) will dieser Lebensmittel-Verschwendung nun mit einem Maßnahmen-Katalog für Konsumenten und Handel beikommen. Mit dem Ziel, die Menge an Lebensmitteln, die weggeworfen wird, bis 2025 zu halbieren. “Die ethischen, wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Fragen dieser Vergeudung dürfen nicht länger ignoriert werden. Bereits ein Viertel aller verschwendeten Lebensmittel würde ausreichen, um die Milliarde hungernder Menschen in der Welt zu ernähren. Hier besteht dringender Handlungsbedarf”, betont die Agrarsprecherin der ÖVP im EP, Elisabeth Köstinger.
“Gezielte, aufrüttelnde Kampagnen müssen den Konsumenten diese Verschwendung ins Bewusstsein rufen”, so Köstinger. Sie setzt voraus, dass die Verbrauchergewohnheiten besser analysiert und auf die Neuzeit angepasst werden. Für den Handel gibt es konkrete Vorschläge: Zum Beispiel könnte es verschiedene Verpackungsgrößen – etwa für Singlehaushalte – geben und das Mindesthaltbarkeitsdatum sollte überdacht werden. Vorstellbar wäre auch ein doppeltes Verfallsdatum – eins für den Handel und eins für den Verzehr. “Zu oft werden Lebensmittel, die genießbar sind, vernichtet, noch bevor sie ins Regal kommen. Daran sind auch die teils zu einschränkenden Vorschriften für den Handel schuld. Verordnungen müssen dringend unter die Lupe genommen werden”, so Köstinger.C.D.
Film zum Thema – taste the waste
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